Mehr Demokratie wagen

Meine Eltern waren fleißige und strebsame Leute, die bis ins Rentenalter berufstätig waren. Unserer Familie ging es gut und über die Jahre stetig besser; von den Anfängen einer Eisenbahnerwohnung im Frankfurter Gallus bis hin zum eigenen Haus. Trotz allem war Sparsamkeit immer oberstes Gebot. Vorsorge und schonender Umgang waren Leitmotive, lange bevor der Begriff der Nachhaltigkeit populär wurde.

Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und bin der erste, der studiert hat.

Meine Familie freute sich über mein Interesse an besserer Schulbildung und hat mich immer unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Nüchtern betrachtet, hatte ich auch viel Glück. Die 1960er und 70er waren eine Zeit relativ großer sozialer Gleichheit, Fortschritts- und Zukunftsglaube waren weit verbreitet. Das Bildungssystem expandierte und bot annähernd jedem, der wollte und konnte, die Chance zu Wissen und Aufstieg. Die großen Sozial- und Bildungsreformen dieser Zeit sind stark mit der Sozialdemokratie verbunden und haben mir meinen Weg bereitet. Durchgesetzt werden konnten auch erweiterte Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten in Betrieben und Unternehmen. Zu den beherrschenden Themen dieser Zeit gehört schließlich die Entspannungspolitik. „Mehr Demokratie wagen!“ Die Losung aus Willy Brandts erster Regierungserklärung prägte das Lebensgefühl meiner Generation – und mich persönlich bis heute.

Umso schmerzlicher war die folgende Ernüchterung: Wirtschaftliche Krisen, Ölpreisschocks und Arbeitslosigkeit untergruben den Glauben, dass es immer nur und für alle stetig aufwärts gehen würde. Zahlreiche Kriege, Krisenherde und Aufrüstung nährten die Zweifel an einer dauerhaft friedlichen Welt. Terrorismus, „Radikalenerlass“ und die aufkommende Anti-Atom- und Umweltbewegung entfremdeten Teile des liberalen Bürgertums und der Jugend von der SPD. Diese wiederum fühlte sich missverstanden, undankbar behandelt, und manche begingen den Irrtum, die Protestierenden mit „Dachlatten“ wieder „zur Vernunft“ bringen zu können.

Ich empfand, dass man sich gerade in einer solchen Situation in der SPD engagieren, das Verständnis unter den verschiedenen Gruppen wieder herstellen müsste. 1982, Helmut Kohl war gerade durch ein Konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt zum Bundeskanzler gewählt worden, wurde ich Sozialdemokrat. Ich fühlte mich der SPD verbunden, die mir durch ihre Politik den Weg auf die Universität ermöglicht hatte. Ich hoffte auf ein erneutes großes gesellschaftliches Bündnis aus Arbeitnehmerschaft, liberalem Bürgertum und Jugendbewegung. Ein solches Bündnis kam noch einmal zustande mit den Rot-Grün-Regierungen. Beide Parteien verloren aber ihre Mehrheiten nach nur wenigen Jahren wieder, weil sich wichtige Gruppen aus sozial- und friedenspolitischen Gründen von ihnen abwandten.

Ich stehe zur Politik der rot-grünen Regierungen.

Wichtige Dinge wurden auf den Weg gebracht: der erste Atomausstieg, den CDU und FDP vor „Fukushima“ wieder rückgängig gemacht hatten, mehr Teilhabe für Frauen und weitere Schritte einer gesellschaftlichen Liberalisierung sowie schließlich -gegen enormen Druck- die Weigerung, am Irak-Krieg teilzunehmen.

Das gesellschaftliche Bündnis aus Arbeitnehmerschaft, liberalem Bürgertum und Jugendbewegung wird nach wie vor gebraucht. „Mehr Demokratie wagen!“ und die großen Themen dieser Zeit, Sozial- und Bildungspolitik, Entspannungspolitik, sind nach wie vor aktuell. Die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden, Klima- und Umweltschutz erfordern enorme Kraftanstrengungen, daraus resultierende Interessengegensätze und gesellschaftliche Konflikte rufen gerade nach einem breiten gesellschaftlichen Bündnis. „Mehr wagen!“ ist dringender denn je.

Ich habe mir den Optimismus der Aufbruchstimmung bewahrt; er stärkt mich bis heute.