Was mich prägt: meine Familie und ihre Geschichte

Als ich in Frankfurt am Main geboren wurde, lag das Ende des Zweiten Weltkrieges 15 Jahre zurück. Damals und viele Jahre danach war der Krieg im Stadtbild noch präsent. Es gab Ruinen und zahlreiche gelbe Pfeile an den Hauswänden, die zu den ehemaligen Luftschutzkellern wiesen. Auch in unserer Familie blieb der Krieg lange präsent. Auf Familienfeiern kamen die Männer regelmäßig auf ihre Erlebnisse zu sprechen. Aber schon nach kurzer Zeit verstummten diese Gespräche wieder, manche versanken in stiller Traurigkeit, andere wechselten das Thema, wandten sich der Gegenwart zu, Autos, den Preisen, der Eintracht. Mein Vater beteiligte sich nie an „Kriegsgeschichten“, er hatte genug.  1938 zum Wehrdienst eingezogen, hat er die folgenden sieben Jahre in Uniform verbracht. „Der Krieg hat mir meine Jugend genommen“, klagte er oft.

Auch die Frauen in unserer Familie sprachen über den Krieg, die schwere Arbeit in den Fabriken, die schlechte Versorgung, die Luftangriffe und ihre Angst im Luftschutzkeller. In diesen Berichten erfuhren wir, was sich zuvor verändert hatte, was letztlich Deutschland in den Krieg geführt hat. Für uns Kinder unbegreiflich gefasst berichtete meine Patentante über die Nazi-Herrschaft, wie ihr Mann, ein Kommunist, 1938 blutüberströmt von SA-Horden durch die Straßen Schwanheims geprügelt wurde. Danach hat sie ihn nie wieder gesehen. Meine Mutter erzählte vom Schicksal ihrer Familie, dem Umzug 1935 in die Anonymität der Metrople Berlin, weil ihr Vater, ein entschiedener Nazi-Gegner, sonst in der heimatlichen ostpreußischen Kleinstadt um sein Leben hätte fürchten müssen. Dieser mutige Mann half auch in Berlin Juden weiterhin, Verstecke zu finden, an gefälschte Pässe zu kommen und wurde dafür mit KZ-Haft bestraft. Leider habe ich ihn nie kennen gelernt.

Wir Kinder erlebten in der Person meines Großvaters väterlicherseits, welche Befreiung, welches Glück und welche Lebenslust verbunden waren mit dem Ende des NS-Regimes und „der neuen Zeit“, die freie Wahlen brachte, zu denen er selbstverständlich Anzug und Krawatte trug und jedes Mal „sein Kreuz bei den Roten“ machte. „Jean“, wie er sich nach guter Niederräder Tradition nannte und in seinem Leben zwei Mal „zu den Preußen“ eingezogen worden war, reiste nun nach Frankreich, Belgien und Holland, nach Italien und genoss den Frieden, die Gastfreundschaft und empfand große Dankbarkeit, dass ihm offenbar niemand nachtrug, dort „feldgrau“ getragen zu haben. Er mahnte uns Kinder: „Macht das nie wieder kaputt!“